70 Jahre Photogilde Aventin Abensberg
Dieser Artikel ist zuerst in Ausgabe 2 (Juli 2026) unseres Magazins erschienen.
Von Christian Greller
Fotos: Photogilde Aventin
1956 war ein Jahr voller Umbrüche. In Ungarn rebellierte das Volk gegen das kommunistische Regime, ein gewisser Elvis Presley brachte mit seinem Hüftschwung das prüde Amerika gegen sich auf und in der noch jungen Bundesrepublik befand man sich mitten im Wirtschaftswunder.
Während die Welt sich wandelte trafen sich am 22. März 1956 im Gasthaus Ottenbräu in Abensberg 17 Amateur-fotografen, vereint durch ihre Begeisterung für das Bild. Was damals begann, war weit mehr als die Gründung eines klassischen Vereins. Es war der Start einer kreativen Gemeinschaft, die das kulturelle Leben in Abensberg über Jahrzehnte hinweg prägen sollte: die Photogilde Aventin.
Der Name war dabei bewusst gewählt. „Aventin“ verweist auf Johann Georg Turmair, besser bekannt als Aventinus. Humanist, Historiker und wohl der bekannteste Sohn der Stadt. Ein Name mit kulturellem Gewicht also. Schon die Anfangsjahre zeigen, wie viel Energie in diesem neuen Club steckte. Noch 1956 trat die Photogilde dem damaligen Verband Deutscher Amateurfotografen bei, dem heutigen Deutschen Verband für Fotografie. Zwei Jahre später folgte bereits das erste eigene Vereinsheim inclusive Dunkelkammer. In einer Zeit, in der Fotografie noch echtes Handwerk bedeutete, war das ein klares Statement. Hier wurde nicht nur fotografiert, sondern entwickelt, diskutiert, experimentiert und gelernt.
Die Photogilde war früh mehr als ein Treffpunkt für Technikfans. Sie wurde zu einem kreativen Zentrum für Menschen, die Bilder nicht einfach konsumieren, sondern gestalten wollten. Der Erfolg kam schnell: Bereits elf Jahre nach der Gründung zählte der Verein über 100 Mitglieder. Bemerkenswert für einen Fotoclub in einer Kleinstadt. 1984 zog die Photogilde schließlich in ihr neues Zuhause im Aventinum in der Osterriedergasse. Die historischen Mauern eines ehemaligen Karmelitenklosters und Krankenhauses boten fortan Raum für Vereinsleben, Ausstellungen und kreative Begegnungen. Ein Ort mit Geschichte für einen Verein, der selbst längst Teil der Stadtgeschichte geworden war.
Ein echtes Highlight folgte 1986. Zum 30-jährigen Bestehen richtete die Photogilde die VDAV-Bundesdiaschau aus – damals eines der bedeutendsten Fotografie-Events seiner Art. Die Zahlen sind beeindruckend: 1.194 Fotografinnen und Fotografen reichten insgesamt 5.705 Dias ein. Hinter den Kulissen stemmten die Mitglieder rund 1.500 ehrenamtliche Arbeitsstunden. Ohne Leidenschaft, Organisationstalent und echten Teamgeist wäre ein Projekt dieser Größenordnung kaum denkbar gewesen. Die Schirmherrschaft übernahm Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß.
Seit 1988 besteht eine Vereinspartnerschaft mit den Kalterer Fotoamateuren. Eine jährliche gemeinsame Fotoausstellung, abwechselnd in Abensberg und Kaltern, gehört seitdem zum Vereinsleben. Ebenfalls schon Tradition hat die zweijährliche Gemeinschaftsausstellung mit dem Kunstkreis Abensberg, die immer im Herbst stattfindet. Dass die Photogilde Aventin längst mehr war als „nur“ ein Verein, zeigte sich auch 1998: Die Stadt Abensberg zeichnete den Club mit dem Kulturpreis für langjährige kulturelle Verdienste aus. Eine Würdigung für jahrzehntelanges Engagement – nicht nur für die Fotografie, sondern für das kulturelle Leben der gesamten Region.
Heute, 70 Jahre nach der Gründung, präsentiert sich die Photogilde Aventin moderner und lebendiger denn je. Rund 140 Mitglieder gehören aktuell zum Verein. Diese messen sich jedes Jahr in 3 Farb- und 3 SW-Fotowettbewerben vereinsintern. Zu den externen Wettbewerben, bei denen man als Verein teilnimmt, zählen der Internationale Städtewettbewerb und der Bayerwaldpokal.
Besonders bemerkenswert ist die 2017 gegründete Jugendgruppe Youngsters mit zehn jungen Fotografinnen und Fotografen. In einer Zeit, in der sich Vereine vielerorts schwertun, junge Menschen für langfristiges Engage-ment zu begeistern, ist das alles andere als selbstverständlich.
Und vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis der Photogilde: Sie hat es geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Analoge Dunkelkammer-romantik trifft heute auf digitale Bildbearbeitung, klassische Bildgestaltung auf Social Media, technische Präzision auf kreative Freiheit. Wettbewerbe, Workshops, Bildbe-sprechungen, Ausstellungen, Vorträge und gemeinsame Projekte sorgen dafür, dass der Verein nicht in Nostalgie verharrt, sondern Fotografie als lebendige Kunstform versteht. Denn Fotografie war hier nie bloß Technik. Sie war immer auch Austausch, Inspiration und Gemeinschaft.
Die Photogilde Aventin hat Generationen von Fotografinnen und Fotografen begleitet, Talente gefördert und kreative Impulse weit über Abensberg hinaus gesetzt. Sie hat den Wandel der Fotografie erlebt – von Filmrollen über Dias bis zur digitalen Gegenwart – und dabei nie den Blick für das Wesentliche verloren: die Leidenschaft für gute Bilder. (cg)